Prozess-Führerschein – Beta-Version
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Stufe 2: Können — Erhebung als Handwerk

Die fünf Themenfelder

🎯 Bloom: Anwenden ✏️ 2 Übungen 🔓 Verfügbar

Lernziele

Nach Abschluss dieses Moduls kannst du:

Warum das zählt

Erhebungen sind anfällig für einseitige Blicke. Wer nachfragt, läuft Gefahr, entlang der eigenen Neugier zu fragen und zentrale Bereiche auszulassen. Die fünf Themenfelder wirken wie ein Kompass: sie decken die Bereiche ab, die ein vollständiges Bild des Prozesses brauchen. Fehlt auch nur ein Feld, leidet später das BPMN-2.0-Modell, und Lücken tauchen erst in der Optimierung oder beim KI-Einsatz auf, wenn Korrekturen teuer werden.

Inhalt

Eine vollständige Erhebung beantwortet fünf Fragenbündel, unabhängig vom konkreten Vorgang. Die Reihenfolge der Felder folgt dem natürlichen Gesprächsverlauf, vom Anstoß über die Rahmenbedingungen zur eigentlichen Tätigkeit, zu den handelnden Personen und zu den Stellen, an denen es im Alltag klemmt.

Anlass

Jeder Prozess hat einen Auslöser. Wer den Anlass kennt, versteht, warum der Prozess überhaupt angestoßen wird und an welcher Stelle ein konkreter Vorgang in das Verfahren eintritt. Leitfragen: Was löst den Vorgang aus, ein Antrag, ein Ereignis, eine Frist? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit der Prozess startet? Gibt es mehrere Einstiegspunkte, etwa für Bürgerinnen, für andere Behörden oder für interne Stellen?

Kontext

Der Kontext beschreibt die Rahmenbedingungen, in denen der Prozess stattfindet: rechtliche Grundlagen, fachliche Ziele, Vorgaben der Amtsleitung, Schnittstellen zu Programmen oder Aktenplänen. Leitfragen: Welche Rechtsgrundlagen, Dienstanweisungen oder Standards gelten? Welches Ziel verfolgt der Prozess in dieser Organisationseinheit? Welche übergeordneten Programme, Berichtspflichten oder Kennzahlen greifen darauf zu?

Ablauf

Der Ablauf bildet das Herzstück: die Schritte in ihrer Reihenfolge, die Übergänge, die Entscheidungen. Leitfragen: Was passiert als Erstes, was folgt? Wer entscheidet an welchen Stellen, und worauf gestützt? Welche Standardfälle und welche Sonderfälle gibt es? An welchen Stellen wird etwas geprüft, freigegeben, weitergeleitet oder abgeschlossen?

Beteiligte

Prozesse werden von Menschen, Rollen und Stellen getragen. Leitfragen: Wer ist beteiligt, mit welcher Rolle und welcher Verantwortung? Welche Stellen erhalten welche Informationen, und welche geben welche weiter? Gibt es externe Beteiligte wie andere Behörden, Antragstellerinnen oder Dienstleister?

Engpässe

Engpässe sind die Stellen, an denen der Prozess im Alltag hakt: Wartezeiten, Mehrfacherfassungen, unklare Zuständigkeiten, Eskalationen, Ausnahmen, die regelmäßig auftreten. Leitfragen: Wo entstehen Wartezeiten, und worauf warten Beteiligte? Welche Schritte werden regelmäßig wiederholt oder korrigiert? Welche Fehler oder Rückläufer treten gehäuft auf? Welche Ausnahmen, Eskalationen oder Schattenprozesse laufen neben dem Hauptpfad?

Vollständigkeit als Gütekriterium

Ein Erhebungsgespräch gilt als vollständig, wenn jedes der fünf Felder substanziell abgedeckt ist. Ein einzelner Satz pro Feld reicht nicht, ein gefüllter Absatz oder mehrere konkrete Aussagen sind das Ziel. Lücken zeigen sich meist erst im Nachhinein, wenn das BPMN-2.0-Modell an einer Stelle nicht weiterkommt. Deshalb lohnt sich der Abgleich mit der Fünf-Felder-Checkliste direkt nach dem Gespräch, solange die Eindrücke frisch sind.

Merksatz

Die fünf Felder sind der Kompass der Erhebung. Anlass, Kontext, Ablauf, Beteiligte, Engpässe. Wer eines auslässt, baut ein Modell, das im Alltag bricht.

Verwaltungsbeispiel

Praxisfall: Anmeldung eines Wohnsitzes im Bürgeramt

Eine Sachbearbeiterin im Bürgeramt erhebt den Vorgang der Anmeldung eines Wohnsitzes. Im Gespräch wird der Anlass klar: Zuzug, Ummeldung innerhalb der Stadt oder Nebenwohnsitz. Der Kontext umfasst das Bundesmeldegesetz, die Dienstanweisung zur Datenfreigabe an andere Stellen und das örtliche Meldeprogramm. Der Ablauf beginnt mit der Prüfung der mitgebrachten Unterlagen, geht über die Erfassung im Programm und die Aushändigung der Meldebestätigung bis zur Weiterleitung an statistische Stellen. Beteiligt sind die antragstellende Person, die Sachbearbeiterin, gelegentlich die Amtsleitung bei Härtefällen und die Meldebehörde anderer Kommunen bei Wegzug ins Ausland. Engpässe treten auf, wenn Unterlagen unvollständig sind, wenn das Meldeprogramm hängt, wenn die Schnittstelle zur Statistik spät aktualisiert oder wenn Sprachbarrieren eine zusätzliche Klärung erfordern. Alle fünf Felder sind abgedeckt. Im Folgegespräch ließen sich nur durch konsequentes Felder-Denken die regelmäßigen Engpässe und die Schattenprozesse bei Wegzug ins Ausland aufspüren.

Übung B Selbst anwenden

Trockenübung

Szenario. Eine mittelgroße Kommune will den Vorgang der Ausstellung einer Wohnsitzbescheinigung im Bürgeramt erheben. Die Auskunft gibt die langjährige Sachbearbeiterin Frau K., die den Vorgang seit zwölf Jahren betreut. Du führst das Gespräch allein, hast 45 Minuten Zeit und protokollierst direkt mit.

Auftrag. Formuliere vor dem Gespräch zu jedem der fünf Themenfelder mindestens zwei Leitfragen, die du im Gespräch stellen willst. Markiere nach dem Gespräch jede gestellte Frage im Protokoll und prüfe am Ende, ob jedes Feld substanziell abgedeckt ist. Halte fest, welches Feld du am schwächsten abgedeckt hast und welche Nachfrage du im Folgegespräch stellen würdest.

Musterlösung anzeigen

Leitfragen je Feld.

Anlass: Wodurch wird eine Wohnsitzbescheinigung typischerweise ausgelöst, etwa durch eine persönliche Vorsprache, eine Anfrage einer anderen Behörde oder einen internen Anlass? Gibt es regelmäßig wiederkehrende Anlässe im Jahreslauf?

Kontext: Welche Rechtsgrundlage regelt die Bescheinigung, und welche internen Dienstanweisungen sind dabei zu beachten? Für welche Stellen außerhalb des Bürgeramts ist die Bescheinigung regelmäßig relevant, etwa für die Familienkasse, das Jobcenter oder andere Behörden?

Ablauf: Was passiert direkt nach der Anfrage, und welche Angaben werden geprüft? Welche Schritte folgen in welcher Reihenfolge, und wer gibt die Bescheinigung am Ende frei? Welche Standardfälle laufen immer gleich, welche Sonderfälle kommen vor?

Beteiligte: Wer ist auf Seiten des Bürgeramts beteiligt, und wer außerhalb? Welche Rolle spielen andere Stellen, zum Beispiel Meldewesen, Kasse, Amtsleitung? Gibt es externe Beteiligte wie andere Kommunen, wenn jemand aus dem Zuständigkeitsbereich weggezogen ist?

Engpässe: Wo hakt es im Alltag, etwa bei unvollständigen Angaben, langen Wartezeiten oder Rückfragen? Welche Ausnahmen oder Eskalationen treten regelmäßig auf, etwa bei unklarer Identität, Sprachbarrieren oder Eilbedürftigkeit? Welche Schritte werden regelmäßig wiederholt, korrigiert oder doppelt erfasst?

Vollständigkeits-Check. Nach dem Gespräch gehst du die Mitschrift Feld für Feld durch und markierst die abgedeckten Bereiche. Im Beispielfall zeigt sich, dass Anlass und Ablauf breit abgedeckt sind, der Kontext aber nur mit einem Halbsatz erwähnt wird. Engpässe kommen vereinzelt vor, Schattenprozesse gar nicht. Konkrete Nachfragen für das Folgegespräch: Welche Dienstanweisung konkret die Familienkasse betrifft, und wie der Vorgang abläuft, wenn jemand die Bescheinigung rückwirkend für ein vergangenes Jahr braucht.

Übung C KI-Mentor

Deine Leitfragen prüfen lassen

Nenne deinen Vorgang und je ein bis zwei Leitfragen zu den fünf Themenfeldern. Der Mentor spiegelt dir, welche Felder abgedeckt sind und welches am schwächsten bleibt. Er bewertet nicht.

Bitte keine echten Namen, Adressen oder Aktenzeichen eingeben. Der Check läuft über den civitasAI-Server und ist erst nach dem Deployment auf civitasai.de verfügbar, nicht in der lokalen Vorschau.

Selbstcheck

Drei Fragen zum Mitdenken

  1. Welches der fünf Felder fällt dir im eigenen Arbeitsbereich am schwersten, und woran merkst du das?
  2. Wenn du eine Mitschrift aus einem Probeinterview nur überfliegst, an welchem Feld würdest du eine Lücke am ehesten übersehen?
  3. Wie willst du sicherstellen, dass die Engpässe und Schattenprozesse genug Raum bekommen, wenn die auskunftgebende Person vor allem den Standardablauf erzählen will?
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